| Genres: | Vergangenheit / Historie |
| Autoren: | Holtzmann Adolf |
| Schlagwörter: | Neue Erkenntnisse |
"Paradoxe Lehren, die einer herrschenden falschen Meinung
entgegentreten, können nicht auf plötzliche Zustimmung rechnen; sie
werden gewöhnlich unfreundlich und misstrauisch aufgenommen, und wenn
sie sich zugleich gegen Personen richten müssen, können
sie sogar dem heftigsten Zorn begegnen. Aber wenn sie in der Wahrheit
begründet sind, dringen sie allmählich durch; denn der Wahrheit wohnt
eine still wirkende Kraft inne, die langsam aber um so sicherer die
Macht der Meinung und der Gewohnheit überwindet und allmählich die
bittersten Feinde überzeugt und zu Freunden gewinnt. Ich habe das bei
frühern Arbeiten zu erfahren Gelegenheit gehabt; und es sei mir
gestattet, auf mein Schriftchen über den indischen Tierkreis
hinzuweisen.
Auch diese neue Schrift soll eine paradoxe Lehre, eine verkannte
Wahrheit verkündigen; sie soll eine Meinung, die jetzt allgemein
herrscht und von Niemand bezweifelt wird, erschüttern und vernichten.
Auch diesmal wird der Erfolg kein augenblicklicher sein; man wird sich
zuerst verwundern, man wird wohl auch schelten; dann wird man mit der
Wahrheit markten und feilschen wollen, wie das zu geschehen pflegt; man
wird einiges zugeben, um dafür in der Hauptsache beim Irrtum beharren zu
dürfen; man wird aber schrittweise weiter gehen, und endlich werden
meine paradoxen Sätze nicht mehr paradox sein, sondern die herrschende
Ansicht bilden. [...] Die vorliegende Schrift hat den Zweck, die
herrschende Ansicht zu stürzen und die entgegenstehende an ihre Stelle
zu erheben. Die Frage ist von der grössten Wichtigkeit und von den
weitgreifendsten Folgen. Die ganze Grundanschauung, auf welcher jetzt
die Geschichte von Deutschland, Frankreich und England allgemein beruht,
soll umgestossen werden. Die Kymren und Gaelen sollen verzichten auf
ein Altertum, das ihnen jetzt bereitwillig zugestanden wird, und in
dessen rechtmässigem Besitz sie sicher zu sein glauben; sie werden nicht
gutwillig verzichten, sie müssen gezwungen werden. Die Erforschung des
gallischen und keltischen Alterthums soll eine ganz andere Richtung
erhalten. Statt die Erklärung der gallischen Denkmäler bei den Kymren zu
suchen, wo sie nicht zu finden ist, soll man unbedenklich die
germanischen Quellen benützen , die man jetzt nicht glaubt beiziehen zu
dürfen. Besonders aber soll die deutsche Geschichte und die deutsche
Philologie und Alterthumskunde eine ganz neue Grundlage gewinnen." [...]